Historie

... und statt Schlagbällen waren Handgranaten zu werfen!
Der Altstadter Turnverein in der Nazizeit

Auch wenn das „Gauvolksturnfest“ und die damit einhergehende Einweihung der neuen Sportanlage insgesamt eine runde Sache waren, so konnten die braunen Unwetterwolken, die sich am Horizont zusammenballten, kaum mehr übersehen werden. Wer die Festschrift durchblätterte, konnte schnell erkennen, dass die Nazis ihre Hände schon mit im Spiel hatten. Die am Ende des Heftes abgedruckten „Kampfgebote für deutsche Turner“ ließen keinen Zweifel, aus welcher Ecke der Wind wehte. „Do sollst kämpfen für deutsche Sitte, Ehre und Einheit, verbanne alles was undeutsch ist in Sprache und Art“, hieß es da unter anderem. Und an anderer Stelle wurde ganz offen angekündigt, was geplant war: „Du sollst kämpfen für dein deutsches Vaterland“. Zehn Jahre später wurde diese gebetsmühlenartig eingebleute Losung mörderische Realität, 60 Millionen Menschen sollten am Ende ihr Leben verlieren. Tumbe Nazi-Parolen, Appelle an niederste Instinkte schossen von nun immer ärger ins Kraut, die auf vollen Touren laufende Propaganda-Maschinerie machte auch vor dem Turnverein nicht halt. Eine beredete Bildsprache zeigt etwa die Urkunde, die Luise Baab (später verheiratete Ehrmantraut) beim „I. Kreis-Turnfest“ in Lautzkirchen für ihren vierten Platz im Vierkampf über 18 Jahre bekam. Martialisch wirkende Gestalten garnierten die Urkunde, zwischen qualmenden Schloten und Fördertürmen ging eine Sonne auf (oder auch unter), die das Hakenkreuz verunzierte. Ein halbes Jahr, bevor das unter der Verwaltung des Völkerbundes stehende Saargebiet mit großer Mehrheit für die Angliederung an Nazi-Deutschland votierte, hatten die braunen Horden den „Turn-Kreis Saar-Pfalz“ unter ihre Kontrolle gebracht. Mit dem Anschluss des Saargebietes setzte umgehend die Gleichschaltung sämtlicher sporttreibender Vereine einher. Auch der Altstadter Turnverein wurde dem totalitären Machtapparat und dessen „Verein für Leibesübungen“ unterstellt und enteignet. Nicht wenige Mitglieder und auch Aktive zogen sich völlig zurück, wie etwa Heiner Knerr, der sich bis 1935 als Turnwart engagiert und vor allem Jugendliche für das Turnen begeistert hatte. Die Machenschaften der Nazis ließen ihn seine Aktivitäten einstellen. Was in anderthalb Jahrzehnten mühsam, aber mit Leidenschaft aufgebaut worden war, war nun am Boden zerstört. „Geturnt“ wurde nun im „Jungvolk“ und in der „Hitlerjugend“, den Organisationen, in den denen der Nachwuchs auf die Nazi-Ideologie gedrillt wurde. Beim Wurftraining der zehn- bis 14-jährigen Buben wurde der Schlagball durch die Übungshandgranate ersetzt, Hindernislauf - auf dem Fußballplatz am alten Bahnhof - war über hohe Holzwände und durch Stacheldraht hindurch zu absolvieren. Mädchen gleichen Alters kamen in die „Glaube und Schönheit“- Riegen, die Volkstänze einzustudieren hatten. Geräteturnen war verpönt und stand höchstens ausnahmsweise auf dem Programm.
Mitten im Krieg, 1941/42, war es aber wiederum Heiner Knerr, der sich damit nicht abfinden wollte: Er sprach gezielt Mädchen und Jungen im Alter ab etwa zehn Jahren an, um sie für das Turnen zu interessieren. Was ihm auch gelang: Dank Mundpropaganda ging es in „Bauswerds Saal“ bald wieder los: „Die Turngeräte wurden unter der Bühne hervor gekramt, das Reck wurde auf der Bühne aufgeschlagen, Barren und Pferd im Saal“, erinnern sich die beiden TVA-Ehrenmitglieder Susi Knerr und Herbert Strobel an jene Zeit, in den das Turnen mehr oder weniger im Verborgenen stattfinden musste. „Man kann sich heute gar nicht mehr vorstellen, wieviel Mut dazu gehörte, in so einer Zeit so etwas zu beginnen. Es existierte kein Verein im Hintergrund. Bauswerds Walter, der Wirt, musste den Saal zur Verfügung stellen und im Winter auch noch heizen. Die Jungen saßen nach dem Turnen noch bei ihm in der Wirtschaft und tranken noch ein Glas Bier, das gar kein wirkliches Bier war. Es enthielt wahrscheinlich weder Malz noch Hopfen“, lassen sie Revue passieren. „In der Zeit, als Onkel Heiner die Turnstunden abhielt, wurde er von NSDAP - Mitgliedern immer wieder bedroht. Wenn er so weiter mache, müsste er damit rechnen, zum Militär eingezogen zu werden“, erinnert sich seine Nichte Susi Knerr. Im Spätsommer 1944, als die Front langsam näher kam, wurde der Wirtshaussaal aber wieder vom Militär requiriert. Die Turngeräte wurden nun zu „Bache Bienche“ verfrachtet, dem nur wenige Meter entfernten anderen Gasthaus. „Damals betrieb Karl Kunz die Wirtschaft. Er war offensichtlich von der ganzen Turnerei nur wenig begeistert und machte immer ein mürrisches Gesicht. Er stand mit uns Buben immer ein bisschen auf Kriegsfuß“, blickt Herbert Strobel zurück. Aber von langer Dauer war diese Bleibe ohnehin nicht, im Winter 1944/45 wurde der Betrieb eingestellt. Die fernen Kriegsschauplätze hatten nicht nur vielen Mitgliedern des Turnvereins das Leben gekostet, der Krieg erreichte nun den Orts selbst.
Als der Krieg schließlich zu Ende war, verboten die Siegermächte Zusammenschlüsse im Allgemeinen und Turnen im Besonderen: Turner galten als Nationalisten und Militaristen, denen nicht über den Weg zu trauen war. Und wiederum war es Heiner Knerr, der das Verbot umging und Übungsstunden organisierte. Aber es sollte noch bis Ende 1951 dauern, bis es endlich ganz offiziell wieder losgehen konnte.

Frisch, fromm, froh und frei nach den Ideen Jahns
Eine zeitgenössische Skizze aus dem Jahr 1958

„Der Kalender zeigte den 2. Dezember 1951, als sich viele der alten Turner trafen, um nach den Verbotsjahren der Besatzungszeit zum dritten Mal den Altstadter Turnverein zu gründen. Sofort entwickelte sich ein rühriger Turnbetrieb, der TVA übernahm schon 1953 die Ausrichtung des Gaukindertreffens. Dazu wurde der Turnplatz „Auf der Heide“ mit einer selbstgebauten Maschine des Landwirts Ludwig Körner planiert und mit einer 100-Meter-Laufbahn und einem Gerätehäuschen versehen. Das Kindertreffen unter der Leitung von Fritz Kolzau wurde mit über 800 Teilnehmern ein so großer Erfolg, dass der Turngau zwei Jahre später dem Verein noch einmal dasselbe Fest übertrug. Ferner trat der Verein bei vielen Turn- und Sportfesten sowie durch eigene Veranstaltungen wie Schauturnen, Elternabende usw. in starkem Maße an die Öffentlichkeit.
Seine Arbeit nach den Ideen Jahns bietet jedem Altstadter Bürger Gelegenheit zur Betätigung zu seiner Gesundheit und Erholung. Die Vielfalt des Vereinslebens kommt am besten in den Abteilungen zum Ausdruck, deren Entwicklung kurz skizziert sei:

Auch auf kulturellem Gebiet ist der Verein tätig. Neben Volkstanz- und Volksliedpflege gestalten die Turner traditionsgemäß an Weihnachten einen Theaterabend. Das gesellschaftliche Leben wird gepflegt durch den alljährlichen Turnerball im Februar, durch Vereinsausflüge, Kameradschaftsabende und Wanderungen. Altstadter Turner werden auch in Zukunft wirken zum Wohle und zur Gesundheit des Volkes nach dem Wahlspruch: Frisch, fromm, froh, frei!“. Herbert Strobel